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Neuigkeiten zur Corona-induzierten Neurodegeneration


In der letzten Woche habe ich berichtet, dass eine Covid19-Erkrankung oft von neurologischen Symptomen begleitet ist. Interessanterweise treten bei vielen Patienten eine bleierne Müdigkeit und Abgeschlagenheit aber erst Monate nach einer überstandenen Infektion auf. Ein solches Long-Covid-Syndrom geht möglicherweise mit einem erhöhten Risiko für eine Parkinson- oder Alzheimer-Krankheit einher. Die Befunde, die darauf hindeuten, möchte ich heute vorstellen.

Zhou und Kollegen zeigten im letzten Jahr in einer wichtigen Arbeit, dass die Covid19-Infektion mit einer verstärkten Expression von Alzheimer-assoziierten Genen vergesellschaftet ist (z.B. mit RAB7A, TGFß1 oder VCAM1). Aber auch die Parkinson-Krankheit kann eine direkte Folge einer Infektion mit Corona-Viren sein. Bisher wurden drei Fälle einer typischen Parkinson-Symptomatik beschrieben, die 2-5 Wochen nach einer Covid19-Infektion auftrat (Cohen et al., 2020; Faber et al., 2020; Méndez-Guerrero et al., 2020). Die Patienten waren 35, 45 und 58 Jahre alt. Sie hatten keine Vorgeschichte eines Morbus Parkinson, auch nicht in ihrer Familie. Alle drei hatten eine relativ schwere Infektion und mussten mit Atemnot in ein Krankenhaus gebracht werden. Mithilfe von Bildgebungsverfahren wurde dann eine Störung im nigrostriatalen Dopamin-System nachgewiesen (s. Kapitel 2.2.1 in meinem Buch über Neurodegeneration). Bei zwei Patienten sorgten Parkinson-Medikamente für eine Besserung der Symptome, einer erholte sich ohne Medikation.


Es ist wichtig zu betonen, dass damit keine Kausalität gegeben ist, d.h. wir wissen zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht, ob in der Zukunft mehr Parkinson- oder Alzheimer-Fälle als Folge der weltweiten Corona-Pandemie auftreten werden oder nicht. Es steigt aufgrund der vorliegenden Daten aber die Wahrscheinlichkeit dafür, dass Covid19 eine Neurodegeneration auslösen oder den Eintritt einer neurologischen Erkrankung vorverlegen kann.


Die mit einer Covid-Infektion einhergehenden entzündlichen Prozesse spielen bei der Entwicklung neurologischer Symptome wohl die entscheidende Rolle. Die Auskleidung der Gefäßwände, das Endothel, wird durch das SARS-Virus geschädigt. Daher können Monozyten, die Vorstufen von Makrophagen, aus dem Blut einwandern und zusammen mit den immunologisch kompetenten Zellen des Gehirns, der Mikroglia, unsere Nervenzellen schädigen. Außerdem produzieren die dopaminergen Neurone im Mittelhirn hohe Mengen des für einen Eintritt des Virus notwendigen Rezeptors ACE2 (Angiotensin-Converting Enzyme receptor), so dass die Substantia nigra direkt in Mitleidenschaft gezogen werden kann. Daneben sind in infizierten Neuronen vermehrt α-Synuklein-Aggregate nachweisbar, die typisch für einen Morbus Parkinson sind.


In Bezug auf die Entstehung einer Demenz ist ja schon länger bekannt, dass häufige Infektionen im Alter den kognitiven Abbau beschleunigen. Dieses lässt sich durch eine vermehrte Expression des Tumornekrosefaktors (TNFα) erklären. Eine wichtige Quelle von TNFα im Gehirn ist die angesprochene Mikroglia. Sie kann ganze Zellen, Zellbestandteile, aber auch synaptische Kontakte oder α-Synuklein- bzw. Amyloid-Aggregate aufnehmen (phagozytieren). Es sollte daher bei Long-Covid-Patienten die Einnahme anti-entzündlicher Medikamente in Erwägung gezogen werden, beispielsweise vom Typ nicht-steroidaler Antirheumatika (z.B. Voltaren oder Proxen). Sie können den Verlauf einer neurodegenerativen Erkrankung günstig beeinflussen. Es wären allerdings noch klinische Studien an Corona-Patienten zur Bestätigung dieser Hypothese erforderlich.



Referenzen:


Baig AM (2022) Counting the neurological cost of COVID-19. Nature Reviews Neurology 18:5-6


Brundin P, Nath A, Beckham JD (2020) Is COVID-19 a perfect storm for Parkinson’s disease? Trends in Neurosciences 43:931-933


Cohen ME, Eichel R, Steiner-Birmanns B, ..., Yahalom G (2020) A case of probable Parkinson's disease after SARS-CoV-2 infection. The Lancet Neurology 19:804-805


Faber I, Brandão PRP, Menegatti F, ... , Cardoso F (2020) Coronavirus disease 2019 and Parkinsonism: A non-post-encephalitic case. Movement Disorders 35:1721-1722


Haidar M, Shakkour Z, Reslan M, ... , Bizri M (2022) SARS-CoV-2 involvement in central nervous system tissue damage. Neural Regeneration Research 17:1228-1239


Méndez-Guerrero A, Laespada-García MI, ... , González de la Aleja J (2020) Acute hypokinetic-rigid syndrome following SARS-CoV-2 infection. Neurology 95:e2109-e2118


Merello M, Bhatia KP, Obeso JA (2021) SARS-CoV-2 and the risk of Parkinson's disease: facts and fantasy. The Lancet Neurology 20:94-95


Zhou Y, Xu J, Hou Y, Leverenz JB, ... , Cheng F (2021) Network medicine links SARS-CoV-2/COVID-19 infection to brain microvascular injury and neuroinflammation in dementia-like cognitive impairment. Alzheimer's Research & Therapy 13:110


Bildnachweis: iStock/wildpixel (unten) und iStock/libre de droit (oben)

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